Die Grenzen des Veganismus – nichts Richtiges im Falschen?

Grenzen des Veganismus

In der Satzung der Vegan Society wird bereits darauf hingewiesen, dass es beim ethischen Veganismus nicht um „Perfektion“ geht, sondern um das Vermeiden von Tierleid soweit „möglich und praktikabel“. Doch wo genau ziehen wir die Grenze und was erachten wir als möglich und praktikabel?

Sicher habt ihr euch auch schon einmal in Situationen wiedergefunden, in denen Ihr euch gefragt habt, wie ihr selbst Veganismus definiert bzw. wo ihr eure eigene „vegane Grenze“ zieht. Ist der Kleber des Etiketts vegan? Was mache ich mit Mücken, die mich stechen wollen? Wurde mein Haushaltsreiniger an Tieren getestet? All dies sind Fragen, die auftauchen, wenn man sich näher mit den Hintergründen von Alltagsgegenständen und Lebensmitteln beschäftigt. Während oft nicht-vegane Zutaten, Produktionsprozesse oder andere Formen der ‘Nutzung’ von Tieren auf der Hand liegen, gibt es eine Vielzahl von Produkten, die potentiell nicht vegan sein könnten. Jedoch gibt es Situationen, in denen wir nicht darauf verzichten können oder wenn genaue Herstellerinformationen fehlen. Die eigene Definition dieser veganen Grenze ist der Balanceakt bei dem ethisch motivierte Veganer*innen versuchen, möglichst tierleidfrei leben zu können, ohne sich selbst zu sehr einzuschränken.

Bereits Donald Watson, der Gründer der Vegan Society, erkannte, dass eine vollständige Vermeidung jeglicher tierlicher Produkte und Prozesse, die Tierleid beinhalten, kaum allumfassend möglich und ohne große Einschränkungen umsetzbar ist. Damit stand für Watson pragmatisch betrachtet also vor allem eine Verringerung von Tierleid im Vordergrund. Die Definition des Veganismus und die Satzung der Vegan Society aus dem Jahr 1944 ist bis heute unverändert geblieben, was angesichts der Tatsache, dass heute eine noch umfassendere Verwertung und Nutzung von Tierprodukten erfolgt, fraglich erscheint. Denn hinter einer Vielzahl von Produkten verstecken sich Prozesse, die vielen Menschen nicht bewusst sind, die wir aber, wären sie transparent, möglicherweise nicht als vegan definieren würden. Donald Watson hatte wohl kaum daran gedacht, dass sich einmal Teile von Schweinen in Zigarettenfiltern, Patronenhülsen, Rotwein und Eisenbahnbremsen wiederfinden würden. Klingt absurd? Die Designerin Christien Meindertsma hat für ihr Buch „Pig 05049“ dokumentiert, in welchen Erzeugnissen Teile von Schweinen verarbeitet wurden. Dabei kommt sie auf insgesamt 185 Produkte, unter denen sich zahlreiche Alltagsgegenstände finden, die zeigen, dass wir scheinbar permanent versteckte Tierprodukte nutzen, ohne uns dessen bewusst zu sein.
Ohne jedoch in komplizierte chemische Prozesse einzutauchen und zu ergründen welcher Stoff worin wieso Verwendung findet, gibt es Beispiele, die wesentlich naheliegender sind: Zum Beispiel Bio-Ananas aus Costa Rica, zertifiziert durch das EG Bio-Siegel der europäischen Union. Abgesehen davon, dass Ananas in einer Monokultur angebaut werden, kommen hier auch Tierprodukte wie etwa Blutmehl als Dünger zum Einsatz, die nach der ‘Verwertung’ von Tierkörpern übrig bleiben. Bei Blutmehl handelt es sich um Blut, das in Schlachthöfen gesammelt und getrocknet wird. Für die Ananas werden davon 40 Tonnen für 100 Hektar benötigt. Während diese ‘Tiermehle’ im konventionellem Anbau aufgrund ihres hohen Stickstoff- und Phosphatgehalts bereits seit Anfang der 80er Jahre genutzt werden, gilt bei vielen Bio-Verbänden seit der BSE-Krise ein Nutzungsverbot. Beim Anbau von Produkten mit EG Bio-Siegel sind laut Verordnung (EG) Nr. 834/2007 neben Blutmehl als Düngemittel und Bodenverbesserer auch Hufmehl, Hornmehl, Knochenmehl, Fischmehl, Fleischmehl, Federn- und Haarmehl, gemahlene Fell- und Hautteile, Wolle, Haare, Borsten und Milcherzeugnisse zugelassen.
Abgesehen davon, dass natürlich auch mit Exkrementen von Tieren gedüngt wird, besteht das Vorurteil, dass ertragreicher Landbau ohne Tierhaltung nicht möglich sei. Jedoch könnten viele Bio-Betriebe vegan wirtschaften, da sowohl die EU-Verordnung als auch fast alle Verbände dies implizit erlauben. In den USA gibt es bereits erste Firmen, wie One Degree Organic Foods, die sich auf biovegane Produkte konzentrieren und ihre Produkte klar als „Veganic“ kennzeichnen. Eine Kennzeichnung, die auch in Deutschland auf größeres Interesse zu stoßen scheint. Das biovegane Netzwerk, ein Zusammenschluss von Gemüsebäuer*innen und Aktivist*innen, diskutiert aktuell, wie ein bioveganer Landbau in Zukunft aussehen kann und ob vielleicht sogar eine Zertifizierung möglich ist, die den Konsument*innen nicht nur über Inhaltsstoffe, sondern auch über die Anbauweise Aufschluss gibt.

Ein anderes Beispiel ist konventionelles Weizenmehl – auch hier wird in großen Monokulturen angebaut. Doch Monokulturen, die einen möglichst ertragreichen Anbau gewährleisten sollen, bringen auch eine ganze Reihe von Nachteilen mit sich. So wird der Boden durch das Fehlen einer Fruchtfolge ausgelaugt. Es fehlen Mineralien, was die Pflanzen für Krankheiten anfälliger macht und eine Düngung erfordert. Monokulturen zerstören aber auch die Lebensräume von natürlichen Fressfeinden, die in Mischkulturen sogenannten Schädlingen das Gleichgewicht halten. Dadurch wird ferner der Einsatz von Pestiziden notwendig, um einen für die Betriebe wirtschaftlichen Ertrag zu erzielen.
Mit „Halali seit 2001“ bewirbt die Firma Syngenta das Insektizid „Karate Zeon“, welches nicht nur für Weizen sondern auch für Tomaten, Möhren, Rucola, Kohlrabi, Spargel und Sojabohnen empfohlen wird. Diese praktische Allround-Chemiekeule mit dem Wirkstoff Lambda-Cyhalothrin wird nicht nur mit einer „hervorragender Sofort- und Dauerwirkung“ beworben, sondern auch als „breit wirksam gegen zahlreiche Getreideschädlinge“. Hingegen stuft die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein den Wirkstoff als schädigend für Bestäuberinsekten wie Bienen ein. Das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) weißt außerdem darauf hin, dass das Mittel bei Menschen durch Veränderung des Hormonsystems die Gesundheit schädigen kann. Zu diesem Schluss kommen verschiedenste Tierversuche, bei denen der Wirkstoff unter anderem an Ratten, Mäusen, Kaninchen, Enten, Affen und Hunden getestet wurde.
Die Klasse der Pestizide beschränkt sich im übrigen nicht nur auf Insekten, denn es gibt auch andere, eigene Wirkstoffklassen wie Molluskizide gegen Schnecken, Rodentizide gegen Nagetiere oder Avizide gegen Vögel. Letztere sind zwar in Deutschland verboten, werden aber in den USA eingesetzt um etwa Stare am Verzehren der Aussaat zu hindern. Der Einsatz von „Starlicide“ erklärte auch die ca. 5.000 Stare die 2009 in der Nähe von New Jersey „vom Himmel fielen“.
Stellt sich die Frage, was im Bio-Anbau gegen die vermeintlichen Schädlinge unternommen wird. Hier werden pflanzenschädigende Insekten teilweise durch Raubmilben oder Schlupfwespen bekämpft, die eigens dafür gewerblich vermehrt werden und online zu bestellen sind, um Schädlinge auf natürliche Art und Weise zu dezimieren. Eine andere Möglichkeit wäre auch Ernteeinbußen in Kauf zu nehmen, was sich wiederum im Preis niederschlagen würde. Sind am Ende bezahlbare Lebensmittel und bioveganer Landbau vielleicht gar nicht vereinbar? Oder wenn doch, wo ziehen wir hier die vegane Grenze?

Wenn in der allgemeinen Definition von Veganismus Honig und Seide abgelehnt werden, weil dabei Insekten zu schaden kommen, wie steht es dann um Lebensmittel bei deren Produktion zahlreiche Insekten getötet werden, was den Konsument*innen allerdings verborgen bleibt? Insekten scheinen eine noch relativ unerforschte Gruppe von Lebewesen zu sein. Eine Studie der Universität London konnte belegen, dass ein Bewusstsein auf der Größe eines Insektengehirns generiert werden könnte. Der britische Biologe C.M. Sherwin kommt in einer Studie zu Schmerzempfinden zu folgendem Ergebnis: „Wirbellose Tiere haben ein Erinnerungsvermögen, können lernen, haben ein räumliches Bewusstsein, entwickeln Gewohnheiten und reagieren auf schmerzhafte Reize“. Auch die Philosophen Singer, Regan und Francione äußern sich im Bezug auf Insekten vorsichtig – Tom Regan sagt dazu: „Wenn mich Menschen fragen, wo ich die Grenze ziehe, dann sage ich, ich weiß es nicht. Aber wo immer du sie ziehst, ziehe sie mit einem Bleistift, denn wer weiß, was wir in den kommenden Jahren lernen werden und ob wir nicht unsere Auffassung überdenken müssen.“

Veganer*innen bleibt ein ungutes Gefühl, auf viele Prozesse scheinbar keinen Einfluss nehmen zu können – fast alle Formen des Verkehrs, wie PKWs, Bahnen oder Schiffe, aber auch Erntemaschinen erfassen und verletzen oder töten Tiere. Auch die europäische Honigbiene, die einerseits ein Opfer des Einsatzes von Pestiziden wurde, wird andererseits nicht nur für die Produktion von Honig eingesetzt, sondern gewinnt beim Bestäuben von vielen Nahrungs- und Nutzpflanzen immer mehr an Bedeutung und wird bereits in Deutschland als drittwichtigstes „Nutztier“ gehandelt.

Die Liste des versteckten Tierleids erscheint lang und die eigene vegane Grenze zu ziehen umso schwieriger. Dennoch bin ich der Meinung, dass es wichtig ist, diese Debatte anzustoßen, um Produktionsprozesse transparent zu machen und Alternativen zu entwickeln – heute mehr denn je. Je größer die Zahl aufgeklärter und engagierter Veganer*innen ist, desto höher stehen die Chancen auf Herstellungsprozesse Einfluss nehmen zu können und vegane Alternativen zu fördern und zu fordern.

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29. March 2015 Tierrechte, Vegan